Die Auswirkungen von Wearables

Die Vermessung der eigenen Lebenswelt ist en vogue bei Konsumenten: Was mit Apples iWatch und den Fitnesstrackern von Fitbit und Jawbone begann, erreicht jetzt die Medizintechnik-Unternehmen. Die haben bisher vor allem Patientenmonitore, Blutzuckermessgeräte oder mobile Defibrillatoren hergestellt. Wearables als Lifestyle-Produkt mit Gesundheitsbonus – das ist neu.

Während einige Märkte die neue Technologie schnell aufgreifen wie die USA, wo die Bewegung des „quantified self“ begann, sind andere Regionen vorsichtiger – in Deutschland beispielsweise sind Verbraucher traditionell skeptischer bei der Verwendung ihrer Daten. Doch selbst dort bieten erste Krankenkassen die Fitnessarmbänder als Leistung an, mit der sich die Versicherten Prämien sichern können. Diese Entwicklung schafft neue Herausforderungen für die gesamte Medizintechnik- und Hightech-Industrie: Alteingesessene Medtech-Unternehmen könnten in diesen vielversprechenden Markt einsteigen, während die Technologieriesen wie Apple oder Samsung ihr Portfolio in Richtung Medizinprodukte erweitern könnten. Doch einfach ist das nicht.

Gesucht: eine andere Art von Spezialist

Um Wearables zu entwickeln und zu vermarkten, braucht man das passende Personal: „Die gesuchten Kandidaten unterscheiden sich stark von denen, die wir heute vermitteln“, erklärt Alexandra Georgopoulos. Als Personalberaterin bei Real Life Sciences bewegt sie sich seit fünf Jahren im Umfeld der Medizintechnik und kennt daher den Markt sehr gut. „Unternehmen benötigen Mitarbeiter, die stark in der Softwareentwicklung und teilweise auch in der Telekommunikation sind. Zusätzlich müssen sie sich mit dem Medizinprodukte-Gesetz auskennen.“

In jedem Land gibt es andere gesetzliche Bestimmungen für Wearables: Für eine Zulassung in den USA ist die FDA (Federal Drug Administration) zuständig. In Deutschland regeln Benannte Stellen wie der TÜV (Technischer Überwachungsverein) die Zulassung von Wearables. Der TÜV in Deutschland ist eine unabhängige Organisation, die technische Geräte aller Art auf ihre Sicherheit überprüft. Für Großbritannien beispielsweise ist das Prüfverfahren noch gar nicht geregelt: „Im Normalfall ist im Vereinigten Königreich das MHRA für die Zulassung von Medizinprodukten zuständig, doch der Status von Fitnessarmbändern ist ungeklärt“, erklärt Catherine Rock, Personalspezialistin im Medizintechnik-Bereich bei Real Life Sciences in UK. Normalerweise untersucht das National Institute for Health and Care Excellence, kurz NICE, die Wirksamkeit von medizinischen Produkten und Verfahren. Doch noch steht nicht fest, ob das Institut überhaupt für die Prüfung von Wearables verantwortlich ist.

Auch die Zulassung im größten europäischen Binnenmarkt birgt manche Stolperfallen, denn in Deutschland werden Wearables als Medizinprodukte eingestuft, die spezifische strenge TÜV-Sicherheitsstandards erfüllen müssen, um eine Zulassung zu erhalten. Selbst für den TÜV stellen Wearables eine Herausforderung dar. „Der TÜV hat eine eigene Abteilung für Wearables gegründet, weil es ein ganz anderes Zulassungsverfahren ist als bei Pflastern oder einem Herzschrittmacher“, so Georgopoulos.

Veränderungen für Unternehmen und Fachkräfte

Diese neuen Entwicklungen auf dem Medizintechnik-Markt verändern für Fachkräfte einiges: Neben den klassischen Unternehmen treffen sie immer häufiger auf Tech-Unternehmen und Start-Ups, die Geräte an der Schnittstelle zwischen Medizintechnik und Lifestyle-Produkt herstellen. Die klassischen Hersteller von Medizintechnik werden noch stärker in das Tech- und IT-Umfeld vorstoßen – entsprechend wird sich das Profil neuer Mitarbeiter verändern. „In diesem Bereich müssen sich Unternehmen in erster Linie die erfahreneren Fachkräfte aus dem Ausland, hauptsächlich aus Nordamerika, holen, weil der Markt weiter entwickelt ist“, erklärt Alexandra Georgopoulos und ergänzt: „Es ist sinnvoller, jemanden einzustellen, der vielleicht die Landessprache nicht beherrscht, aber die notwendigen technischen Qualifikationen mitbringt. Diese Fachkraft kann dann die Leute vor Ort anlernen.“ Der Bewerbermarkt sei in Europa noch sehr klein.

Sie empfiehlt Unternehmen deshalb, auf eine langfristige Besetzungsstrategie zu setzen, speziell wenn es um Produktentwicklung geht: „In erster Linie rate ich Unternehmen dazu, Softwareentwickler einzustellen, die gerade am Anfang ihrer Karriere stehen“, so Georgopoulos. Erfahrene Kollegen könnten diese an die Medizintechnik heranführen und ihnen das notwendige Wissen vermitteln. In Deutschland gibt es zudem die Möglichkeit, beim TÜV Schulungen zu den rechtlichen Grundlagen zu erhalten: „Beim TÜV hätte man den Vorteil, dass nicht nur die Einsteiger, sondern auch ausländische Fachkräfte mit den örtlichen Gesetzen bekannt gemacht würden.“

Catherine Rock hat für das Vereinigte Königreich eine gesteigerte Nachfrage an Spezialisten in Sales und Marketing festgestellt: „Die Unternehmen wünschen sich mehr Mitarbeiter mit digitalem Hintergrund, bevorzugt im digitalen Marketing. Diese müssen in der Lage sein, die erhobenen Daten zu verstehen und diese verständlich für Geschäftskunden aufzubereiten.“ Ebenfalls gesucht würden Vertriebsmitarbeiter, die sowohl auf Unternehmensseite als auch mit dem NHS, dem gesetzlichen Krankenversicherer, verhandeln könnten. „Der Vertrieb von Wearables findet vermehrt auf Geschäftskundenebene statt. Die Vertriebsmitarbeiter sprechen weniger mit Konsumenten, sondern mit Kunden, die betriebswirtschaftliches Wissen mitbringen. Sie müssen viel Erfahrung mitbringen, um beispielsweise vor dem NHS die Kosten dieser neuen Geräte zu rechtfertigen und den Nutzen zu zeigen“, so Rock weiter.

Wachstumsmarkt Wearables

Während der Markt in Großbritannien sich gut entwickelt, lässt der Boom auf dem europäischen Festland, allen voran Deutschland, noch auf sich warten: Hier blieben die Umsatzzahlen in den letzten zwei Jahren hinter den Erwartungen zurück. Doch Georgopoulos ist sich sicher, dass auch hier der Trend Fuß fassen wird – darauf sollten Unternehmen vorbereitet sein. „Firmen, die sehr technisch ausgelegt sind, bewegen sich noch stärker in die Richtung Digital & Tech. Es gibt viele ausländische Unternehmen, die überlegen einen Standort in Deutschland zu eröffnen.“ – Unternehmen also, die dazu das passende Personal benötigen und sich an spezialisierte Vermittler wenden: „Zu 70 Prozent arbeiten wir auf diesem Markt mit komplett neuen Kunden.“

Aus Rocks Sicht ist die größte Hürde für den langfristigen Erfolg der Wearables auf dem Markt für Medizintechnik jedoch der Verbraucher selbst: „Viele sind durchaus gewillt, mithilfe von Wearables ihre körperliche Verfassung zu verbessern. Doch die heutigen Wearables-Nutzer sind meistens bereits fit und gesund.“ Diejenigen, die an Übergewicht, Herzkreislaufproblemen oder Diabetes leiden, würden am stärksten von Wearables profitieren: „Bei solchen Nutzern könnte man am deutlichsten das persönliche Wohlbefinden verbessern und Kosten im Gesundheitssystem einsparen. Sowohl Unternehmen als auch Behörden und Versicherer müssten potenzielle Nutzer genauer darüber informieren, welche Vorteile es ihnen bringt, ihre Gesundheit in die eigene Hand nehmen.“ Für die Unternehmen bleibt also noch einiges zu tun.

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